Kinder Reha
28.01.2021
Corona

Bilanz 2020 der Kinderschutzgruppe: Mehr Misshandlungen wegen Corona

Letztes Jahr hat die Kinderschutzgruppe des Kinderspitals Zürich 592 Verdachtsfälle von Kindsmisshandlungen registriert - so viele wie noch nie. Grund dafür ist wohl die Pandemie.

Von diesen 592 Fällen mussten wir bei 397 Kindern eine Misshandlung bestätigen, bei 168 Kindern blieb der Verdacht bestehen, konnte aber nicht nachgewiesen werden. In diesen Fällen werden die Kinder engmaschig kontrolliert oder mit anderen Stellen (wie z.B. dem Kinderarzt, der Mütter- und Väterberatung etc.) vernetzt. Bei 27 Kindern stellte sich im Verlauf der Untersuchung heraus, dass die Symptome medizinisch erklärbar waren und keine Misshandlung vorlag.

Fälle von körperlicher Misshandlung und sexuellem Missbrauch steigen

Die Spezialistinnen und Spezialisten der Kinderschutzgruppe und Opferberatungsstelle behandelten im vergangenen Jahr mehr Kinder nach körperlicher Misshandlung (193) oder sexuellen Missbrauchs (185) als noch 2019. In den anderen Kategorien (siehe Diagramm) lagen die Fallzahlen auf vergleichbarem Niveau wie im Vorjahr.

Coronavirus als Auslöser

Die besorgniserregende Entwicklung kam insofern nicht überraschend, da verschiedene Beratungs- und Opferhilfestellen bereits unter dem Jahr über eine Zunahme der Fälle berichteten. Expertinnen und Experten vermuten, dass das Coronavirus ausschlaggebend war: Lockdown, Homeoffice und vorübergehende Schulschliessungen sorgten für mehr Stress und vermehrte Konflikte in einigen Familien. Die Belastung stieg: Grosseltern etwa konnten bei der Kinderbetreuung wegen des Ansteckungsrisikos kaum aushelfen, Eltern waren häufiger auf sich alleine gestellt. Zudem kam es wegen der Pandemie in einigen Familien zu einem finanziellen Engpass, was existentielle Ängste auslöste. Dies sind alles bekannte Risikofaktoren, die dazu führen können, dass Kinder misshandelt werden.

Ein weiterer Faktor: Viele Menschen haben durch das vermehrte Arbeiten im Homeoffice intensiveren Kontakt zu ihrer Nachbarschaft und bekommen eher mit, was in anderen Familien passiert. Ein Erklärungsversuch für die Zunahme der Fälle ist somit, dass es nicht mehr Misshandlungen gibt, sondern unbeteiligte Menschen häufiger hinschauen, Zivilcourage zeigen und aktiv bei unserer Kinderschutzgruppe und Opferberatungsstelle des Kinderspitals oder bei einer anderen Beratungsstelle um Rat fragen.

Kinderspital betreut vor allem Opfer von körperlicher und sexueller Gewalt

Alle im Bereich Kinderschutz und Opferhilfe tätigen Fachpersonen sind sich einig, dass wir nur die Spitze des Eisbergs sehen. Das heisst, der grosse Teil der Misshandlungen bleibt verborgen, die Gesamtzahl kann deshalb nur geschätzt werden.

In der im Jahr 2016 durchgeführten «Optimus Studie Schweiz» wurden Kindsmisshandlungen in der Schweiz möglichst flächendeckend erfasst. Mittels dieser Daten wurde hochgerechnet, dass pro Jahr etwa 2 bis 3.3% aller in der Schweiz lebenden Kinder wegen Kindeswohlgefährdung einer darauf spezialisierten Organisation gemeldet werden: z.B. Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde, Sozialdienst, Polizei, Jugendanwaltschaft, Kinderschutzgruppe, Opferberatungsstelle.
Im Rahmen der Erhebung zeigte sich, dass in 38% der Fälle eine psychische Misshandlung (inkl. Miterleben von Paargewalt) und in 22.5% eine Vernachlässigung als primäre Form der Kindeswohlgefährdung festgehalten wurden. Der Anteil der körperlichen Misshandlung und des sexuellen Missbrauchs betrug 20 resp. 15%.

Im Vergleich dazu erfasste die Kinderschutz- und Opferberatungsstelle des Kinderspitals diese beiden Misshandlungsformen in 64% der Fälle. Nur in 15% stand eine Vernachlässigung im Vordergrund, bei 18% psychische Misshandlung.
Diese Verteilung der Misshandlungsformen ist in unserer Kinderschutz- und Opferberatungsstelle seit Jahren ungefähr gleich: Sie betreut mehr Kinder, die Opfer von körperlicher oder sexueller Misshandlung wurden als andere Stellen, da das Kinderspital an 365 Tagen/24 Stunden erreichbar ist und dadurch sofortige medizinische Hilfe und Schutz anbieten kann.

Kinderschutzgruppe und Opferberatungsstelle des Universitäts-Kinderspitals Zürich

Die Kinderschutzgruppe befasst sich mit Säuglingen, Kindern und Jugendlichen, die Opfer einer Misshandlung wurden oder gefährdet sind, misshandelt zu werden. Ziel der Kinderschutzgruppe ist es, durch sorgfältig geplante Interventionen drohende Misshandlungen abzuwenden und betroffene Kinder und Jugendliche vor wiederholter Misshandlung zu schützen. Im Zentrum der Bemühungen steht das Wohl der Kinder und Jugendlichen: Sie werden medizinisch versorgt, ihr soziales Netzwerk gestärkt. Die interdisziplinäre und multiprofessionelle Zusammenarbeit von Spezialisten und Spezialistinnen aus Medizin, Psychiatrie, Psychologie, Gynäkologie, Pflege und Sozialarbeit ermöglicht es, die verschiedenen Facetten einer Misshandlungssituation zu erfassen und bestmöglich zu reagieren. Bezugspersonen sowie nachbehandelnde und nachkontrollierende Institutionen werden früh in die Arbeit und Entscheide der Kinder-schutzgruppe miteinbezogen.
In unserer Opferberatungsstelle erhalten Opfer von Gewalttaten nach den Vorgaben des Opferhilfegesetzes Beratung und Unterstützung in rechtlichen, psychosozialen und teils auch finanziellen Belangen.
Nebst dem Opfer unterstützen und begleiten wir auch dessen Angehörige. Auch Fachpersonen und Institutionen können sich beraten lassen.

Mehr Infos unter Kinderschutzgruppe oder Opferberatungsstelle

Kontakt für Fragen und Auskünfte

Dr. med.
Georg
Staubli

Abteilungsleiter
Chefarzt
Notfallstation
Kinderpermanence Circle

Anja
Böni

Oberärztin
Kinderschutzgruppe
Opferberatungsstelle