Eine Logopädin therapiert ein Baby mit Schluckstörung im Kinderspital Zürich
06.03.2026
Logopädie

Nicht «nur» Sprechen lernen: Wenn Logopädie grundlegende Lebensfunktionen begleitet

Am 6. März feiern wir den Europäischen Tag der Logopädie. Zeit, mit einem hartnäckigen Vorurteil aufzuräumen: Wer bei Logopädie nur an das Rollen des /R/ oder das Lispeln beim /S/ denkt, kennt nur einen kleinen Teil dieses vielseitigen Berufs. Ein Blick hinter die Kulissen der Logopädie am Universitäts-Kinderspital Zürich zeigt: Hier geht es oft um grundlegende Lebensfunktionen – und um höchste medizinische Komplexität.

Wenn man das Team der Logopädie am Universitäts-Kinderspital fragt, welches Vorurteil sie am liebsten sofort aus der Welt schaffen würden, kommt die Antwort prompt: Die Reduktion auf die Aussprache.

Natürlich gehören die Kommunikations- und Sprachentwicklung bei Kleinkindern oder das Stottern, Lesen und Schreiben bei Schulkindern zum Fachbereich. Doch die Realität im Spitalumfeld reicht viel weiter. Sie beginnt oft schon auf der Neonatologie bei den Allerkleinsten, wenn es um das Trinken oder die Beikosteinführung geht, und erstreckt sich bis hin zu Jugendlichen mit neurologischen Erkrankungen oder Tumoren, bei denen Sprechen, Stimme, Lesen und das Schlucken neu erarbeitet werden müssen.

Kein «Schema X» am Spitalbett

Was die Arbeit am Kinderspital massgeblich von einer freien Praxis oder dem schulischen Umfeld unterscheidet, ist die Akuität. Die Patientinnen und Patienten befinden sich oft in einem kritischen Allgemeinzustand.

Ein entscheidender Faktor ist hier die Sicherheit: Die Konsequenzen einer sogenannten Aspiration (wenn Nahrung oder Flüssigkeit in die Lunge gelangt) sind bei akut und kritisch kranken Kindern deutlich gravierender. Die Logopädinnen am Kinderspital sehen täglich komplexe Fälle mit mehreren Diagnosen gleichzeitig. Ihr Auftrag: Diese Kinder bestmöglich in ihrer Sprach- und Essentwicklung zu unterstützen.

Dabei gibt es kein «Schema X». Jedes Kind bringt andere Gegebenheiten mit, jeder Verlauf ist individuell. Säuglinge und Kinder befinden sich häufig noch im Nahrungsaufbau, haben eine Sonde und kämpfen nicht selten mit starker Übelkeit. Die orale Nahrungsaufnahme hängt stark vom allgemeinen Zustand ab. Auch logistisch ist Flexibilität gefragt: Therapiezeiten orientieren sich oft an den Sondenzeiten. Man kann nicht einfach zu einer beliebigen Zeit ans Bett gehen und einen Trinkversuch starten.

Hand in Hand: Interdisziplinarität als Schlüssel

Diese Komplexität erfordert eine enge Absprache mit der Pflege, den Ärztinnen und Ärzten sowie anderen Therapiedisziplinen. Im klinischen Alltag arbeitet die Logopädie nie isoliert. Es findet ein regelmässiger interdisziplinärer Austausch statt.

Gemeinsam müssen Prioritäten gesetzt werden: Welche Therapie hat im Moment den grössten Vorrang? Diese Priorisierung ist auch für die Zeit nach dem Spitalaufenthalt essenziell. Familien haben zu Hause oft nicht die Kapazitäten, alle theoretisch indizierten Termine wahrzunehmen. Hier gilt es, den Transfer in den Alltag sorgfältig zu planen, ambulante Therapien aufzugleisen und eine lückenlose Übergabe sicherzustellen.

Herausforderung Spitalaustritt: Die Suche nach dem passenden Therapieplatz

Genau an dieser Schnittstelle – beim Übergang vom Spital nach Hause – spürt das Team des Kinderspitals den viel diskutierten Fachkräftemangel in der Logopädie am deutlichsten.

«Wir spüren den Fachkräftemangel extrem, wenn wir ambulante Therapieplätze suchen, und sind froh, wenn wir für die Kinder zeitnah einen Platz finden», sagt Anja Schönenberger, Logopädin am Kinderspital Zürich. Je nach Kanton gestaltet sich die Suche nach der passenden Anschlusslösung schwierig, da es schweizweit nur wenige Logopädinnen gibt, die in diesem Themenbereich auf die ganz Kleinen und deren spezifische Bedürfnisse spezialisiert sind.

Ausbildung der nächsten Generation

Darum engagiert sich die Abteilung stark in der Begleitung von Studierenden und leistet so einen aktiven Beitrag gegen den Fachkräftemangel im Gesundheitswesen.

Praktikantinnen und Praktikanten erhalten am Kinderspital einen hochspezifischen Einblick in die stationäre Arbeit mit Kindern, der in dieser Form in nur wenigen Spitälern in der ganzen Schweiz etabliert ist. Sie erleben interdisziplinäres Arbeiten im Rahmen von Rapporten und Therapien (beispielsweise dem Playpicknick) und lernen verschiedenste Störungsbilder kennen (von Fütterstörungen, Trinkschwächen, Dysphagien über Dysarthrien, Aphasien bis zu Stimmstörungen).

Bild kispi

Logopädie

Unser Logopädie-Team betreut Kinder und Jugendliche mit Sprachschwierigkeiten und solche mit Ess- und Schluckstörungen. Das Team berät zudem Eltern sowie Fachpersonen.