Vapes und E-Zigaretten: «Minderjährige steigen über das Vapen in den Nikotinkonsum ein»
Herr Möller: Etwa 8% der 15- bis 17-Jährigen konsumieren mindestens einmal im Monat E-Zigaretten. Warum sind E-Zigaretten bei Jugendlichen so beliebt?
Alexander Möller: Die Produkte haben süsse und intensive Geschmacksrichtungen wie Mango, Marshmallow oder Kaugummi. Diese sind für Jugendliche besonders attraktiv. Auch die farbige Gestaltung und die Vermarktung über soziale Medien richten sich klar an junge Zielgruppen. Diese Produkte sind nicht für ältere Erwachsene entwickelt worden. Geschmack, Design und Werbung sprechen eindeutig Kinder und Jugendliche an.
Wie reagieren Jugendliche, wenn sie über die Schädlichkeit des Vapens aufgeklärt werden?
In den letzten Jahren wurde von der Industrie stark vermittelt, dass Vaping weniger schädlich sei und Nikotin eigentlich kein grosses Problem darstelle. Vielen Jugendlichen ist deshalb gar nicht bewusst, dass E-Zigaretten ebenfalls problematisch sind. Oft reagieren sie überrascht, wenn ich ihnen erkläre, dass Vapen gesundheitlich ähnlich problematisch sein kann wie das Rauchen herkömmlicher Zigaretten.
Warum ist Nikotin für Jugendliche so schädlich?
Im Jugendalter befindet sich das Gehirn in einer Phase eines starken Umbaus und Entwicklung. Nikotin wirkt auf die Rezeptoren im Belohnungssystem des Gehirns. Dadurch wird die Dopaminausschüttung beeinflusst, was positive Gefühle verstärkt und die Entwicklung einer Abhängigkeit stark fördert.
Beginnt mit dem Vapen der Weg in eine jahrelange Nikotinabhängigkeit?
Jugendliche, die vapen, beginnen später häufiger mit dem Rauchen klassischer Zigaretten. Damit zeigt sich bei Jugendlichen eher ein Einstiegseffekt statt eines Ausstiegseffekts. Studien belegen zudem klar, dass die Wahrscheinlichkeit einer späteren Suchterkrankung deutlich höher ist, wenn Jugendliche bereits in der Adoleszenz Nikotin konsumieren. Tiermodelle und Hirnstudien weisen darauf hin, dass ein früher Nikotinkonsum auch die Anfälligkeit für andere Substanzen erhöhen kann.
E-Zigaretten bestehen aus Liquids, deren Inhaltsstoffe oft nicht bekannt sind. Welche gesundheitlichen Risiken können dadurch entstehen?
Viele E-Zigaretten, die über den Ladentisch gehen, stammen aus unkontrollierter Produktion. Vor allem die Aromastoffe sind problematisch. Diese Stoffe sind zwar teilweise für Lebensmittel zugelassen, wurden aber nicht für die Inhalation untersucht. Zunehmend zeigen toxikologische Studien, dass beim Erhitzen der Flüssigkeiten krebserregende und zellschädigende Stoffe entstehen können. Klinisch sehen wir die Langzeitfolgen möglicherweise erst in 10 bis 15 Jahren.
Gibt es bereits heute Jugendliche, die wegen gesundheitlicher Probleme durch Vapes zu Ihnen in Behandlung kommen?
Es gibt seltene, aber schwere Komplikationen. Bekannt ist insbesondere EVALI – eine vapingassoziierte Lungenschädigung. Dabei handelt es sich um schwere Entzündungsreaktionen der Lunge, die teilweise zu Intensivbehandlungen oder bleibenden Schäden geführt haben. In der Schweiz sehen wir solche Fälle seltener als in den USA. Häufiger sehen wir Jugendliche mit Asthma, bei denen sich die Erkrankung durch das Rauchen oder Vapen verschlechtert. Die Asthmakontrolle funktioniert dann deutlich schlechter.
Was muss man bei der Rauch- und Nikotinentwöhnung von Jugendlichen anders machen als bei Erwachsenen?
Abschreckung allein funktioniert kaum. Aussagen wie «Du könntest später an Krebs erkranken» beeindruckt Jugendliche nicht und liegt ausserhalb ihrer Vorstellungskraft. Jugendliche ignorieren ja auch die Hinweisschilder bei Hochspannungsleitungen. Wirksam scheint eher zu sein, wenn Jugendliche konkrete Auswirkungen auf ihre aktuelle Gesundheit sehen – etwa auf ihre Lungenfunktion oder sportliche Leistungsfähigkeit. Wichtig sind ausserdem Peergruppen, gemeinsame Aktivitäten und soziale Unterstützung. Jugendliche orientieren sich stark an Gleichaltrigen. Gruppendynamiken können deshalb positiv genutzt werden. Es gibt aber auch die Einzelkämpfer, die zuhause vor dem Computer sitzen und den ganzen Tag gamen und vapen. Diese sind schwieriger zu erreichen.
Was können Eltern tun?
Eltern sollten das Gespräch suchen, ruhig und ohne Vorwürfe. Wichtig ist, Jugendliche über die Risiken aufzuklären, ohne zu dramatisieren. Hilfreich ist es, konkrete Auswirkungen anzusprechen, etwa schlechtere Fitness oder Atemprobleme. Wenn ein Kind aufhören möchte, gibt es spezielle Unterstützungsangebote – diese sollten aktiv genutzt werden. Die Lungenliga Zentralschweiz entwickelt derzeit ein Pilotprojekt «Nikotinstopp für Minderjährige» (NiSAM). Dies wird ein niederschwelliges, praxisnahes und altersgerechtes Unterstützungsangebot für Minderjährige sein, die ihren Nikotinkonsum beenden möchten.
Auszug aus Interview: Minderjährige steigen über das Vapen in den Nikotinkonsum ein | prevention.ch