Wenn Eltern die Sicherheit ihrer Kinder mitgestalten
Im Kinderspital hat Patientensicherheit höchste Priorität. Sie prägt das tägliche Handeln. Seit Jahren ist es gelebte Kultur, Risiken offen anzusprechen und Bedenken ernst zu nehmen. Mit dem am 12. Juni 2026 prämierten Projekt «Safety by Structure» hat das Spital diesen Ansatz weiterentwickelt und noch tiefer in den Behandlungsalltag integriert.
Auslöser war ein bekanntes Problem im Gesundheitswesen: An Schnittstellen können Informationen verloren gehen. «Ob nach einer Operation bei der Übergabe von der Anästhesie an die Intensivstation, vom Notfall auf eine Bettenstation oder zwischen verschiedenen Behandlungsteams kann es passieren, dass wichtige Informationen verloren gehen oder nachträglich geklärt werden müssen», sagt Jürg Burren, Leitender Arzt auf der Intensivstation des Kinderspitals. Dass strukturierte Übergaben für eine hohe Patientensicherheit wichtig sind, ist durch internationale Studien belegt.
37 Prozent weniger Meldungen
Genau da setzt das Projekt «Safety by Structure» im Kinderspital an: Jede Übergabe läuft nach einem verbindlichen Vorgehen ab. Konkret helfen vier Schritte dem Behandlungsteam dabei, nichts Wichtiges zu vergessen und sorgen dafür, dass die Patientin und ihre Familie zu jederzeit transparent erkennen können, was wann kommuniziert wird. Die vier Schritte heissen TIME-OUT, IDE, AKINEFA und PRO:
- Im ersten Schritt TIME-OUT halten alle Beteiligten kurz inne und fokussieren.
- Bei Schritt zwei IDE folgt die eindeutige Identifikation des Patienten.
- Gefolgt von AKINEFA als Schritt drei. Hier strukturiert das erste Behandlungsteam die wichtigsten Informationen und übergibt sie vollständig dem nachbehandelnden Team.
- Im vierten und letzten Schritt PRO legen alle Beteiligten gemeinsam einen Plan sowie die Risiken und Optionen fest.
Kurz gesagt: Fokus, Identifikation, Informationsübergabe, gemeinsamer Plan. Das Projekt hat zu einem messbarem Erfolg geführt: Gestartet im Frühsommer 2023 gingen bereits im ersten halben Jahr nach der Einführung sicherheitsrelevante Ereignisse (im sogenannten Critical Incident Reporting System, kurz CIRS) um 10 Prozent zurück. Besonders deutlich war der Rückgang in den Bereichen Information und Kommunikation, wo die Zahl der Meldungen um 37 Prozent abnahm. Auch die aktuellen Zahlen bestätigen diesen positiven Trend: Gegenüber 2025 sank die Anzahl der CIRS-Meldungen um mehr als 10 Prozent. Für Familien bedeutet dies seither mehr Transparenz und nachvollziehbarere Abläufe. Seither spielen sie eine aktivere Rolle im Behandlungsprozess. «Auch Mitarbeitende berichten uns, dass ihre Zufriedenheit gestiegen sei und sie Patientinnen und Patienten – sei es medizinisch, pflegerisch oder in Bezug auf besondere Bedürfnisse der Familien – noch besser beurteilen können», sagt Yvonne Kröger, Leiterin Qualitätsmanagement.
Gerade in der Pädiatrie ist die Einbindung von Familien und Angehörigen entscheidend. «Eltern verfügen oft über wertvolles Wissen – insbesondere bei chronisch kranken Patientinnen und Patienten», sagt Kinderarzt Burren. «Nicht selten erkennen sie Unstimmigkeiten bei Medikamentenverordnungen, weisen uns auf Allergien hin oder sprechen widersprüchliche Informationen an, die sie von verschiedenen Fachpersonen erhalten haben». Solche Hinweise helfen, Risiken frühzeitig zu erkennen und Missverständnisse direkt zu klären.
Wie wertvoll Eltern diese strukturierte Kommunikation erleben, bringt eine Rückmeldung eines Vaters auf den Punkt: «Ich finde es faszinierend, mit welcher Ruhe und Struktur uns die wichtigsten Informationen ohne Lücken zusammengefasst wurden.» Genau dieses Zusammenspiel von klaren Abläufen, interprofessioneller Zusammenarbeit und der aktiven Einbindung von Familien macht «Safety by Structure» zu einem wichtigen und zukunftsweisenden Beitrag für mehr Patientensicherheit.