Forschungspreis: Mehr Lebensqualität für mehr Kinder dank Fortschritten in der Fetalchirurgie
Am 13. Juli hat Ueli Möhrlen den renommierten Forschungspreis 2026 der Holm-Schneider-Stiftung für vorgeburtliche Therapie erhalten. Geehrt werden seine international anerkannten Arbeiten zum fetalchirurgischen Verschluss des offenen Rückens (Spina bifida aperta). Die vorgeburtliche Deckung eines offenen Rückens noch während der Schwangerschaft stellt die einzige Möglichkeit dar, das Risiko einer lebenslangen, schwersten Mehrfachbehinderung des Kindes positiv zu beeinflussen. Seit der Einführung dieser Behandlungsmethode im Jahr 2011 hat Ueli Möhrlen hunderte betroffene Kinder im Mutterleib behandelt. Laut der Holm-Schneider-Stiftung war insbesondere seine im Jahr 2023 erschienene Arbeit «Prenatal Spina Bifida Repair: Defendable Trespassing of MOMS Criteria Results in Commendable Personalized Medicine» massgeblich für die Auszeichnung verantwortlich. Diese Veröffentlichung fand weltweit in der Pränatalmedizin Resonanz und war wegweisend für die Weiterentwicklung einer individualisierten Therapie der Spina bifida, von der mehr Kinder profitieren.
Foto oben: Prof. Dr. Holm Schneider, Prof. Dr. Ueli Möhrlen und Dr. Katharina Hermes (v.l.n.r.) bei der Preisverleihung.
Foto: Prof. Ueli Möhrlen bei seinem Vortrag im Universitätsklinikum Erlangen vor mehr als 100 Kolleginnen und Kollegen aus der Pränatalmedizin und Geburtshilfe, der Kinderchirurgie, Pädiatrie, Neurochirurgie sowie weiteren Fachgebieten.
Im Interview spricht Ueli Möhrlen darüber, wie ein personalisierter Therapieansatz heute mehr ungeborenen Kindern Zugang zu einer lebensverändernden Behandlung ermöglicht und welche Visionen er für die Zukunft der Fetalchirurgie verfolgt.
Herr Möhrlen, Ihre nun ausgezeichnete Arbeit beschäftigt sich mit der personalisierten Therapie bei offenem Rücken vor der Geburt. Was macht Ihren Ansatz besonders?
Das Besondere an unserem Ansatz ist, dass wir einer grösseren Patientengruppe die fetale Therapie anbieten können. Die Evidenz für die Behandlung des offenen Rückens vor der Geburt basiert auf den Ergebnissen einer grossen, multizentrischen, prospektiv randomisierten Arbeit (MOMS-Studie). Diese hat eindrucksvoll gezeigt, dass die Lebensqualität eines Kindes nach einer Operation im Mutterleib deutlich höher ist, als wenn operiert wird, wenn das Kind bereits auf der Welt ist. Allerdings stellte die Studie sehr strenge Kriterien auf, die die Patientenauswahl einschränkten. Als diese Methode in der klinischen Praxis eingeführt wurde, lag die Frage nahe: Profitieren wirklich nur diejenigen von der Therapie, die genau diese eng gefassten Kriterien erfüllen? Gemeinsam mit meinem Team haben wir deshalb untersucht, wie sich die Auswahlkriterien sinnvoll erweitern lassen.
Zu welchen Ergebnissen sind sie gekommen?
Wir konnten beweisen, dass eine breiter gefasste, individuellere Beurteilung möglich ist, ohne die Sicherheit oder den Behandlungserfolg zu gefährden. Unsere Arbeit hat dazu beigetragen, die Kriterien für eine pränatale Operation weltweit zu erweitern und zu personalisieren. So erhalten heute deutlich mehr Kinder mit offenem Rücken Zugang zu dieser wirkungsvollen Therapie.
Was konnten Sie mit Ihrer Forschung zeigen?
Durch die systematische Nachverfolgung der Ergebnisse konnten wir belegen, dass diese Kinder genauso von der fetalen Therapie profitieren wie diejenigen, die die ursprünglichen MOMS-Kriterien erfüllen. Besonders wichtig war dabei, dass weder für die schwangeren Frauen noch für die Kinder zusätzliche Risiken oder Nachteile entstanden.
Welche konkreten Vorteile ergeben sich für ungeborene Kinder durch Ihre Studie?
Die operativen Eingriffe wurden nicht grundlegend verändert. Der wesentliche Vorteil besteht vielmehr darin, dass heute mehr Kinder Zugang zur fetalen Therapie erhalten. Unsere Studie zeigt, dass bei Beschränkung auf die ursprünglichen MOMS-Kriterien Kinder von einer Behandlung ausgeschlossen wurden, obwohl sie davon hätten profitieren können.
Wie gehen Sie bei komplexeren Fällen vor, die gemäss den Kriterien früher nicht behandelt wurden?
Ein gutes Beispiel sind Schwangere mit HIV oder Hepatitis. Gemeinsam mit Spezialistinnen und Spezialisten aus den Bereichen Infektiologie, Geburtshilfe, Neonatologie und anderen Fachrichtungen haben wir individuelle Konzepte für solche Situationen entwickelt. Unser Ziel ist es, das Infektionsrisiko für das Kind so gering wie möglich zu halten, etwa durch antivirale Therapien und vorbeugende Schutzmassnahmen. Unsere Erfahrungen belegen, dass diese Kinder von den Vorteilen der fetalen Operation profitieren können, ohne dass zusätzliche Risiken entstehen. Der Schlüssel dazu ist die enge interdisziplinäre Zusammenarbeit und sorgfältige Prüfung jedes einzelnen Falls. So können wir Familien neue Behandlungsmöglichkeiten eröffnen und die Chancen für die betroffenen ungeborenen Kinder verbessern.
Sie haben bereits 250 betroffene Kinder im Mutterleib behandelt. Was motiviert Sie?
Die Lebensqualität der Kinder verbessert sich nachhaltig. Das ist meine grösste Motivation. Ich erinnere mich noch an die Zeit, in der Kinder mit offenem Rücken erst nach der Geburt operiert wurden. Viele von ihnen leben danach mit erheblichen Einschränkungen – zum Beispiel mit eingeschränkter Mobilität, Inkontinenz oder dauerhaftem Rollstuhlbedarf. Ich hatte das Privileg, die Entstehung der fetalen Chirurgie von Anfang an mitzuerleben und später am Aufbau eines entsprechenden Programms in Zürich mithelfen zu dürfen. Dabei geht es nicht nur um medizinische Details, sondern um grundlegende Verbesserungen der Lebenssituation für solche Kinder: Dank diesen Fortschritten können sie vermehrt selbstständig mobil sein und benötigen dadurch zum Beispiel keine besondere Wohnsituation. Auch die Verbesserung der Kontinenz sowie die Verringerung der Wahrscheinlichkeit, dass ein Hirnwasserstau entsteht und eine Ableitung erforderlich wird, wirken sich positiv auf die Entwicklung der betroffenen Kinder aus.
Was bedeutet Ihnen diese Ehrung fachlich und persönlich?
Diese Auszeichnung bedeutet mir sehr viel. Sie zeigt, dass unsere Arbeit nicht nur in unserem eigenen Zentrum geschätzt wird, sondern auch weit darüber hinaus Anerkennung findet. Das Zentrum für fetale Diagnostik und Therapie wird über unsere Grenzen hinaus als Leuchtturm wahrgenommen. Für mich und mein gesamtes Team ist das eine klare Bestätigung: Wir sind mit unserem Ansatz auf dem richtigen Weg und leisten einen Beitrag zur Weiterentwicklung der Fetalchirurgie. Gleichzeitig ist diese Ehrung für uns ein grosser Ansporn. Sie motiviert uns, unsere Forschung und unsere klinische Arbeit mit ebenso viel Leidenschaft fortzusetzen.
Wie wollen Sie die pränatale Therapie weiter voranbringen?
Kurzfristig liegt der nächste Schritt in der Weiterentwicklung der minimalinvasiven fetalen Chirurgie. Dabei nehmen wir den Eingriff neu über kleine Zugänge vor anstatt wie bisher über eine grosse Öffnung in der Gebärmutter. Für die ungeborenen Kinder bringt das denselben Nutzen, während die Mütter deutliche Vorteile gegenüber der offenen Operation haben: Sie können später spontan gebären, und auch künftige Schwangerschaften verlaufen mit weniger Risiken.
Wie sieht Ihre langfristige Vision für die personalisierte Fetalchirurgie aus?
Langfristig sehe ich die Zukunft in der personalisierten Gewebe- und Regenerationsmedizin. Mit den heutigen Operationen können wir zwar den Defekt am Rücken verschliessen, doch die fehlenden knöchernen Strukturen der Wirbelsäule ersetzen wir damit nicht. Deshalb arbeiten wir an Lösungen, die den Defekt nicht nur abdecken, sondern den Rücken möglichst vollständig rekonstruieren. Dabei setzen wir auf moderne Bildgebung, Stammzellforschung und 3D-Druck-Technologien. Die Idee ist, aus Stammzellen, die im Fruchtwasser gewonnen werden, Knorpelgewebe herzustellen und daraus individuell passende Implantate für jedes Kind zu entwickeln. Diese Implantate könnten künftig den Defekt stabilisieren und das Rückenmark noch besser schützen. Noch befindet sich diese Forschung im experimentellen Stadium.
Holm-Schneider-Stiftung
Die Holm-Schneider-Stiftung für vorgeburtliche Therapie aus Erlangen fördert die Entwicklung von Therapieoptionen für Krankheiten, die eine Behandlung schon im Mutterleib notwendig machen. Neben finanzieller Unterstützung solcher Therapien, wenn die Krankenkasse nicht oder nicht ausreichend zahlt, verleiht die Stiftung alle zwei Jahre einen Forschungspreis für wissenschaftliche Arbeiten, die zur Verbesserung vorgeburtlicher Behandlungsmöglichkeiten beigetragen haben. Über die Zuerkennung entscheidet der Stiftungsvorstand auf Vorschlag eines wissenschaftlichen Kuratoriums aus Frauen- und Kinderärzten.