Eine Illustration mit mehreren kleinen Kindern, die durch einen Raum zu einer Tür gehen. An der Wand hängen Portraits von Kindern aus vergangenen Jahren.
16.04.2026
Entwicklungspädiatrie

Kindheit im Wandel: Was Kinder heute wirklich brauchen

Die Vorstellungen davon, was eine gute Kindheit ausmacht, haben sich im Laufe der Geschichte immer wieder verändert. Angesichts wachsender psychosozialer Belastungen bei Kindern und Jugendlichen wird deutlich: Die aktuelle Betonung von Selbstbestimmung allein reicht nicht mehr aus. Eine neue Perspektive rückt in den Fokus: die verbindende Kindheit, die Beziehung, Schutz, Orientierung und Gemeinschaft neu zusammendenkt.

Illustration: Anna-Lea Guarisco
Text: Oskar Jenni*

Unsere Vorstellungen von Kindheit verändern sich stetig. Was gestern als fortschrittlich galt, kann sich heute als Belastung für Kinder erweisen. Untersucht man, wie sich der Blick auf die Kindheit im Verlauf der Jahrhunderte verändert hat, zeigt sich: Kindheit ist nie eine feststehende Grösse, sondern spiegelt immer auch gesellschaftliche Werte, Erwartungen und Zwänge. Heute stehen wir erneut an einem Wendepunkt – hin zu einer Kindheit, die stärker verbindet. 

Unterschiedliche Epochen 

Seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts lassen sich verschiedene Epochen der Kindheit unterscheiden. Während Kinder zur Zeit der Industrialisierung früh arbeiten mussten und kaum geschützt waren («verlorene Kindheit»), setzte sich Ende des 19. Jahrhunderts zunehmend die Erkenntnis durch, dass Kindheit eine eigene, schützenswerte Lebensphase ist («entdeckte Kindheit»). Schulpflicht, Kinderschutzgesetze und die Entwicklung der Kinderheilkunde waren wichtige Meilensteine. 

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts rückten Ordnung, Disziplin und Anpassung in den Mittelpunkt. Erziehung wurde als gezielte Formung verstanden, Nähe und Emotionalität galten oft als hinderlich («disziplinierte Kindheit»). Erst ab den 1970er-Jahren setzte sich ein stärker kindzentriertes Verständnis durch: Kinder wurden als aktive Mitgestalter ihrer Entwicklung betrachtet, ihre Rechte gestärkt, Bindung und Autonomie betont («selbstbestimmte Kindheit»). 

Ein paradoxes Heute 

Objektiv betrachtet sind die Bedingungen für Kinder heute so gut wie nie zuvor: Medizinische Versorgung, Bildungschancen, rechtlicher Schutz und gesellschaftliche Aufmerksamkeit haben enorm zugenommen. Gleichzeitig zeigt sich aber ein beunruhigendes Bild: Immer mehr Kinder und Jugendliche leiden unter psychosozialen Belastungen, Stress, Angststörungen oder Entwicklungsproblemen. Ein Grund dafür liegt in den Widersprüchen der Gegenwart. Einerseits sollen Kinder selbstbestimmt, einzigartig und frei aufwachsen. Andererseits erleben sie früh Leistungsdruck, Optimierungsansprüche und hohe Erwartungshaltungen. Hinzu kommen gesellschaftliche Fragmentierung, soziale Ungleichheiten, Unsicherheiten durch globale Krisen und die allgegenwärtige Digitalisierung des Alltags. 

Diese Spannungsfelder machen deutlich: Die aktuelle Epoche der selbstbestimmten Kindheit stösst an ihre Grenzen. Es braucht eine neue Orientierung. 

Die Idee der «verbindenden Kindheit» 

Als Antwort auf diese Herausforderungen zeichnet sich die Vision einer neuen Epoche ab: der verbindenden Kindheit. Sie versteht Kindheit nicht als ein Entweder-oder – entweder Schutz oder Freiheit, Leistung oder Geborgenheit –, sondern als bewusstes Verbinden der Grundbedürfnisse von Menschen: 

Im Zentrum stehen dabei fünf Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen, die alle mit einem «G» beginnen: 

  • Geborgenheit in verlässlichen Beziehungen 
  • Gesundheit von Körper und Seele 
  • Gelegenheiten zum Lernen aus Neugier und eigenem Antrieb 
  • Grenzen als Orientierung und Schutz 
  • Gemeinschaft mit Anderen 

Diese Bedürfnisse sind zeitlos. Neu ist einzig die Erkenntnis, dass sie nur dann ihre Wirkung entfalten, wenn sie nicht gegeneinander ausgespielt, sondern gemeinsam gedacht und gelebt werden. 

Was das konkret bedeutet 

Eine verbindende Kindheit zeigt sich dort, wo Kinder sich getragen fühlen, in der Familie, in der Schule, im Quartier und auch im Gesundheitswesen. Wo Erwachsene präsent sind, zuhören, ernst nehmen, Orientierung bieten und zugleich Vertrauen in die Entwicklungskräfte der Kinder haben. 

Eine verbindende Kindheit zeigt sich in Bildungs- und Betreuungssettings, die Beziehung als Grundlage von Lernen verstehen, Unterschiede nicht ausgrenzen, sondern als Teil einer gemeinsamen Wirklichkeit begreifen. Und sie wird dort besonders wichtig, wo Kinder verletzlich sind – etwa bei Krankheit, Entwicklungsauffälligkeiten oder psychischen Belastungen. 

Gerade in einer zunehmend digitalen Welt gewinnen reale Begegnungen, verlässliche Bezugspersonen und überschaubare Gemeinschaften an Bedeutung. Technologie kann unterstützen, sie kann Beziehung jedoch nicht ersetzen. 

Bedeutung für das Kinderspital 

Für ein Kinderspital bedeutet die verbindende Kindheit, Kinder nicht nur medizinisch zu versorgen, sondern sie ganzheitlich zu begleiten. Gesundheit umfasst immer auch psychisches Wohlbefinden, Sicherheit, Vertrauen und die Einbindung der Familien. Kinder brauchen Fachpersonen, die ihnen zuhören, ihre Perspektive ernst nehmen und sie ihrem Entwicklungsstand entsprechend einbeziehen. 

Die verbindende Kindheit ist damit nicht nur ein gesellschaftliches Leitbild, sondern auch eine Haltung im professionellen Alltag: Kinder sind nicht nur «Patientinnen und Patienten», sondern eigenständige Persönlichkeiten mit Bedürfnissen, Rechten und Beziehungen. 

Kindheit als wertvolle Gegenwart 

Die vielleicht wichtigste Erkenntnis: Kindheit ist nicht nur Vorbereitung auf das Erwachsenenleben. Sie hat einen eigenen Wert im Hier und Jetzt. Eine verbindende Kindheit erinnert uns daran, dass Kinder einzigartig sind, ohne Einzigartiges leisten zu müssen. Sie lädt uns ein, Kindheit wieder stärker als gemeinsamen Raum zu verstehen, der verbindet, über Generationen, Lebenswelten und Perspektiven hinweg.  

 

* Auszug aus dem Artikel «Der Druck der Gegenwart. Auf der Suche nach einer neuen Kindheit» von Oskar Jenni. Erschienen im: undKinder. Das MMI-Magazin | Ausgabe 116 | Dezember 2025 

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