Fotocollage mit den beiden Leitenden Ärztinnen Lara Gamper (links) und Sophie Böttcher (rechts) im Kinderspital Zürich
08.03.2026
Hinter den Kulissen

«Präsentes Elternsein und Spitzenmedizin schliessen sich nicht aus» – Zwei Ärztinnen über ihre Karriere am Kinderspital Zürich

Zum internationalen Frauentag am 8. März blicken wir hinter die Kulissen. Wie macht man als Ärztin heute eigentlich Karriere? Muss man sich zwischen Familie, Spital und Forschung entscheiden? Wir haben mit zwei erfolgreichen Frauen in Führungspositionen gesprochen: Dr. med. Lara Gamper, Leiterin der Allgemeinpädiatrie und PD Dr. med. Sophie Böttcher, Leitende Ärztin für Plastisch-Rekonstruktive Chirurgie im Zentrum für brandverletzte Kinder. Ein Gespräch über Spielregeln in der Chefetage, mentale Gesundheit in den Bergen und die Erkenntnis, dass Karriere selten geradlinig verläuft.

Heute ist der 8. März. Hand aufs Herz: Braucht es solche Tage in der heutigen Medizin überhaupt noch, oder sind wir ohnehin schon auf einem guten Weg?  

Lara Gamper: Unbedingt. Auch wenn sich in den letzten Jahren vieles bewegt hat, ist die Gleichstellung – gerade in der Medizin – noch nicht erreicht. Unsere beruflichen Strukturen wurden in den letzten Jahrhunderten auf Männer ausgerichtet, ohne die weibliche Biologie und deren Einfluss auf die Arbeitswelt einzubeziehen. Zudem scheint sich bei Jugendlichen teils eine Rückkehr zu traditionellen Rollenbildern abzuzeichnen. Deshalb ist es wichtig, dass das Frau-Sein im Berufsumfeld weiterhin thematisiert wird. 

Wenn Sie heute an Ihren allerersten Tag als Assistenzärztinnen zurückdenken: Was hätten Sie damals gerne schon über das Thema «Karriere machen» gewusst?  

Sophie Böttcher: Als «Surgeon Scientist» hätte ich gerne schon gewusst, dass Karriere selten geradlinig verläuft. Damals dachte ich, man müsse alles früh planen. Heute weiss ich: Es darf auch Umwege geben. Zudem hätte ich mir gewünscht, früher zu verstehen, wie wichtig es ist, aktiv nach Möglichkeiten zu fragen – sei es im OP oder bei Forschungsprojekten. Und nicht zuletzt: Karriere entsteht selten allein, sie wächst im Austausch. Ich habe erst im Laufe der Zeit wirklich verstanden, wie entscheidend Mentorinnen und Mentoren für den eigenen Weg sind. 

Lara Gamper: Meinen ersten Tag habe ich mit zwei kleinen Kindern gestartet. Ich war maximal gestresst vom Wissen, dass ich nun neben schlaflosen Nächten schnell lernen muss, um Patientinnen und Patienten sicher zu betreuen. Mir war mein Elternsein immer sehr wichtig, aber mir fehlten damals Vorbilder, die Familie und Beruf so verbanden, wie ich es mir wünschte. Heute weiss ich: Präsentes Elternsein und Spitzenmedizin schliessen sich nicht aus. Ich hätte gerne früher ein breiteres Verständnis von Karriere gehabt als nur die klassische «Leiter nach oben» mit der Familie als angeblichen Stolperstein. 

Sie haben unterschiedliche Pfade gewählt. Gab es einen bestimmten Moment, in dem Sie wussten: «Genau das ist mein Weg»?  

Lara Gamper: Meine Passion liegt im Zwischenmenschlichen. Mir war schon im Medizinstudium klar, dass mir das rein wissenschaftliche Arbeiten eher Energie raubt. Mich im klassischen Karrieremodell, das lange keine Wege ohne Forschung vorsah, immer wieder für die Klinik und gegen die Forschung zu entscheiden, war gar nicht so einfach. Als Leiterin der Allgemeinpädiatrie und Adoleszentenmedizinerin kann ich meine Persönlichkeit heute optimal für die Patientinnen und Patienten, Familien und die nächste Generation von Kinderärztinnen und Kinderärzte einsetzen. 

Sophie Böttcher: Bei mir hat sich das eher Schritt für Schritt entwickelt. Die Kinderchirurgie, speziell das Zentrum für brandverletzte Kinder, hat mich von Anfang an fasziniert. In die Forschung bin ich dann durch meinen damaligen Chef eher hineingeraten – er hat mir die Faszination dafür nähergebracht. Einmal dort angekommen, hat mich diese Welt gepackt, aber die klinische Arbeit hat mir gleichzeitig gefehlt. So hat sich gezeigt, dass genau diese Kombination für mich der richtige Weg ist. 

Welche Hürden waren in Ihrem jeweiligen Bereich am schwersten zu nehmen?  

Lara Gamper: Mir selber treu zu bleiben und den Weg in der reinen Klinik beharrlich zu verfolgen. Oft fehlen Vorbilder und die eigene innere Kritikerin ist gross. 

Sophie Böttcher: Die grösste Herausforderung war, die klinische Tätigkeit in der Chirurgie und den langen Ausbildungsweg mit der Zeit für die Forschung zu vereinbaren. Beide Bereiche verlangen enorm viel Zeit und Ausdauer. Gleichzeitig ist genau diese Kombination eine grosse Stärke, da viele wissenschaftliche Fragestellungen direkt aus dem klinischen Alltag entstehen. 

Die Basis in der Medizin ist oft überwiegend weiblich, die Führungsebene männlich dominiert. Wie haben Sie diesen Bruch auf dem Weg nach oben erlebt?  

Lara Gamper: Ich dachte lange, dass mein biologisches Geschlecht keine Rolle für meinen Lebensweg spielt. Aber auf der Führungsebene wird oft nach männlich konnotierten Spielregeln gespielt. Dabei wird meine kommunikative und harmonieliebende Persönlichkeitsstruktur regelmässig herausgefordert. 

Sophie Böttcher: Als ich anfing, war die Chirurgie noch sehr männlich geprägt. Aber es gab in meiner Generation bereits viele Frauen, die ihren Weg dorthin fanden. Heute arbeite ich mit vielen tollen Kolleginnen zusammen und habe eine kompetente Chefärztin, die mich inspiriert. Das zeigt: Strukturen wandeln sich langsam, aber spürbar. 

Wie erleben Sie das Thema Führung am Kinderspital und was bringen Sie dort ein?  

Lara Gamper: Mir sind Kommunikation, Transparenz und Empowerment enorm wichtig. Hierarchisches Denken liegt mir fern. Ich möchte vorleben, dass es alternative Lebensmodelle gibt: Ich verlasse das Kispi auch mal in gebundenen Joggingschuhen, denn ich brauche diese «Life-Life-Balance», um erfolgreich im Berufsalltag zu sein. Das Kinderspital macht hier schon vieles richtig: Programme wie «Aiming higher», Weiterbildungen wie «Frau Doktor führt» oder Netzwerk-Formate wie «Führungsfrauen im Fokus» werden gezielt gefördert. Für die Zukunft wünsche ich mir, dass wir Führung ganz neu denken. Wir brauchen hervorragende Forscher:innen, Kliniker:innen und Teacher – und eben auch Leader. Diese Eigenschaften müssen gleichgestellt werden, unabhängig vom Geschlecht. 

Spitzenmedizin verlangt einem alles ab. Wie holen Sie sich nach Rückschlägen Ihre Energie zurück?  

Sophie Böttcher: Die Kombination aus OP und Forschung kann phasenweise sehr fordernd sein. Was mir dann Energie gibt, sind die Kinder und ihre Familien. Das erinnert mich daran, warum ich diesen Weg gewählt habe. Zudem ist es entscheidend, strukturell «geschützte Zeit» für die Forschung auszuhandeln und privat ein starkes Netz aus Familie und Freunden zu haben, das einen trägt. 

Lara Gamper: Wenn die Berge unendlich hoch erscheinen, erinnere ich mich an meine echten Bergabenteuer. Im Bergsport lerne ich meine Grenzen kennen und verinnerliche, dass man immer nur einen Schritt vor den anderen setzen muss, um den Gipfel zu erreichen. Mentale Gesundheit ist essenziell für Spitzenmedizin. Nur wer psychisch stabil und ausgeglichen ist, trifft am Patientenbett gute Entscheidungen. 

Stellen Sie sich vor, morgen fängt eine ambitionierte Assistenzärztin am Kinderspital an und will in 15 Jahren genau da stehen, wo Sie heute sind. Was sind Ihre Top-Ratschläge?  

Lara Gamper: 

  • Finde deine Stärken heraus, sei mutig, folge deiner Faszination und bleib dir treu.

  • Geh ins Ausland, um eine andere Perspektive zu erhalten. 

  • Gib dir Zeit für deine klinische Ausbildung – führen kannst du danach noch dein ganzes Leben lang. 

Sophie Böttcher: 

  • Bewahre dir deine Neugier und lass dich von Rückschlägen nicht entmutigen. 

  • Bau dir ein gutes Netzwerk auf, das dich unterstützt und berät. 

  • Sei offen für Möglichkeiten und Wege, die sich vielleicht nicht von Anfang an klar abzeichnen.