Prof. Dr. phil. Flavia Wehrle und Prof. Dr. med. Oskar Jenni leiten gemeinsam die Zürcher Longitudinalstudien.
18.02.2026
Entwicklungspädiatrie

70 Jahre, 1000 Leben: Zürcher Entwicklungsforschung von Weltformat

Seit 1954 läuft am Kinderspital eine der längsten und umfangreichsten Entwicklungsstudien der Welt. Sie lieferte Normwerte, wonach Kinderärztinnen und -ärzte Wachstum, Sprache und Motorik beurteilen. Die Fortsetzung zeigt nun: Kindheit formt nicht nur den Anfang, sondern unsere ganze Lebensgeschichte. Das ruft nach gesellschaftlichem Umdenken.

Was ist so besonders an den Zürcher Longitudinalstudien (ZLS)?

Oskar Jenni: Unsere Studie ist die erste und einzige, die wirklich die ganze Lebensspanne abdeckt. Mit 22 Millionen Datenpunkten von 1000 Personen aus 70 Jahren ist unsere Arbeit weltweit wegweisend. Dafür wurden 1 Million Datenblätter verarbeitet – das sind 27 SBB-Palette Papier. Wir schaffen hier ein lebendiges Archiv der menschlichen Entwicklung über ein ganzes Leben hinweg – ein wissenschaftlicher Schatz, der immer reicher wird.

Wie werden Entwicklungen sichtbar?

Flavia Wehrle: Wir nutzten Fragebögen, Familieninterviews, Entwicklungsprotokolle, Röntgenbilder, Kinderzeichnungen, Fotos und Videoanalysen. Daraus entstand ein detailliertes Bild, wie sich Laufen, Sprechen, Spielen, Schlafen, Denken und Fühlen über die Jahre verändern. Zwischen 1954 und 2020 haben wir in drei Etappen die Daten ab Geburt bis 18 Jahre erhoben. Aktuell verfolgen wir im Projekt «ZLS-Lifespan» dieselben Menschen weiter – die ältesten sind inzwischen 70 Jahre alt. Ihre Lebensläufe liefern wertvolle Hinweise darauf, welche Faktoren der Kindheit und Jugend die Gesundheit, die Selbstständigkeit und das Wohlbefinden im Erwachsenenalter prägen.

Welche Erkenntnisse habt ihr gewonnen?

Oskar Jenni: Dank unseren Studien wissen wir: Kinder beginnen zwischen 9 und 18 Monaten zu laufen, sprechen mit 1 bis 2 Jahren ihre ersten Wörter, und die Pubertät setzt zwischen 9 und 15 Jahren ein. Diese Spannen gelten als «normal» und prägten die Tabellen für die Entwicklungsuntersuchungen in jeder Kinderarztpraxis. Aus den Studiendaten entstand 1993 auch der Elternratgeber «Babyjahre» von Prof. Dr. med. Remo Largo – ein Klassiker, der Millionen junger Eltern begleitet hat. Die Auswertungen zur Entwicklung bis ins hohe Alter stehen noch am Anfang, aber es zeichnen sich erste Tendenzen ab: Der IQ bleibt erstaunlich stabil und frühe Beziehungen beeinflussen das gesamte Leben zentral. Eine vertiefte Analyse und Publikation dieser Zusammenhänge steht jedoch noch aus.

Unsere Forschung schafft Fakten für bessere gesellschaftliche und politische Weichenstellungen zum Wohle der Kinder.

Warum ist diese Forschung so wertvoll? 

Flavia Wehrle: Sie macht deutlich, wie entscheidend die Kindheit für das ganze Leben ist. Was banal klingen mag, wird gesellschaftlich oft übersehen: Viele politische und strukturelle Entscheidungen nehmen auf die Bedürfnisse von Kindern kaum Rücksicht. Unsere Daten schaffen eine wissenschaftliche Grundlage, um das zu ändern. Kinder sind unsere Zukunft, aber eine gute Kindheit ist nicht nur Privatsache. Wenn wir heute in ihr Wohlergehen investieren, profitiert die ganze Gesellschaft von morgen.

Was versprecht ihr euch künftig von der Studie?

Oskar Jenni: Wir möchten besser verstehen, was Menschen hilft, gesund und zufrieden alt zu werden – körperlich, psychisch und im sozialen Leben. Denn Gesundheit ist mehr als nur die Abwesenheit von Krankheit: Sie zeigt sich im Alltag, im Umgang mit anderen Menschen – und das hat ihre Grundlage oft schon in der Kindheit.

Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Wie ist es, an etwas zu arbeiten, das älter ist als Sie – und Sie überdauern wird?

Flavia Wehrle: Es berührt mich, Teil dieses lebendigen Gedächtnisses zu sein. Die akribische Datenarbeit verlangt zwar viel Geduld – aber sie lohnt sich. Wir möchten die Teilnehmenden weiter begleiten, vielleicht sogar ihre Kinder und Enkel – denn nur so entsteht Wissen, das Generationen verbindet.

Portraitreihe von ZLS Teilnehmerin Dora W.

Fotos: Dora W. (geboren 1954) macht bereits ihr ganzes Leben lang an den Zürcher Longitudinalstudien mit.

Bild kispi

Zürcher Longitudinalstudien

Gesundheit und Entwicklung über die Lebensspanne (ZLS-Lifespan)

Die Studien untersuchen die Gesundheit und Entwicklung von der Geburt bis ins Erwachsenenalter.