Die Kunst des stillen Stärkens
Frau Wymann, was hat Sie zur Kunsttherapie geführt?
Menschen und ihre Lebensgeschichten haben mich schon immer fasziniert – auf Reisen genauso wie im beruflichen oder privaten Umfeld. Gleichzeitig war Kreativität für mich stets ein wichtiger Zugang zur Welt. In der Kunsttherapie verbindet sich beides: die intensive Begegnung von Mensch zu Mensch und die Möglichkeit, Inneres nach aussen zu kehren. Mit Kindern und Jugendlichen ist diese Arbeit wunderbar echt. Jede und jeder bringt sein Eigenes mit. Mich immer wieder neu darauf einzulassen und dabei nicht nur die Gesundung, sondern den jungen Menschen als Ganzes im Blick zu haben, macht diese Arbeit für mich so besonders.
Ihr Weg zur Kunsttherapie war alles andere als geradlinig…
Das stimmt – doch die Vielfalt des Lebens lässt sich manchmal nicht in gerade Bahnen lenken. Ursprünglich habe ich eine kaufmännische Lehre gemacht, mich dann zur PR-Fachfrau weitergebildet und später Betriebsökonomie studiert. Alle diese Stationen empfinde ich als grosse Bereicherung, und ich bin bis heute in Teilzeit auch im wirtschaftlichen Bereich tätig. Vor acht Jahren begann ich, meinen eigenen kreativen Ausdruck erneut zu vertiefen und fand so zur Kunsttherapie. Damit kam ein weiteres Tätigkeitsfeld hinzu, in dem Kreativität, Begegnung und therapeutische Arbeit auf besondere Weise zusammenfinden.
Kunsttherapeutin in der Kinder-Reha Schweiz
Kunsttherapie klingt für manche nach ein bisschen «Mölele». Was steckt wirklich dahinter?
Sehr viel mehr. Die berufsbegleitende Ausbildung dauert in der Regel fünf Jahre. Wir lernen, kreative Prozesse gezielt therapeutisch einzusetzen – etwa bei psychischen, sozialen oder körperlichen Belastungen. Dazu gehören nicht nur Farben, Materialien und verschiedene Gestaltungstechniken, sondern auch Gesprächsführung, therapeutische Beziehungsgestaltung, Psychopathologie und Psychodynamik. Einen wichtigen Stellenwert haben zudem die Selbsterfahrung und die praktische Arbeit in Fallstudien, Projekten und klinischen Praktika.
Es geht also nicht darum, einfach ein Bild zu malen, sondern um den kreativen Prozess dahinter. Dieser kann Verschüttetes ans Licht bringen und eine tiefgreifende Unterstützung sein – in der Entwicklung eines Kindes, bei der Krankheitsbewältigung und auf dem Weg der Genesung. Gerade während eines Reha-Aufenthalts erlebe ich oft, wie gut es jungen Menschen tut, wenn beim kreativen Tun der Fokus nicht auf ihrer körperlichen Einschränkung liegt, sondern sie einfach ganz sie selbst sein dürfen.
Wann wird für Sie besonders spürbar, was Kunsttherapie bewirken kann?
Oft in ganz kleinen Momenten: wenn sich zum Beispiel plötzlich ein Gefühl löst, das unbewusst überspielt wurde. Dies kann sich auch körperlich zeigen, etwa wenn ein Kind an der Malwand mit der Bewegung des Pinsels mitschwingt und dazu vor sich hin trällert. Dann sieht und spürt man, wie tief es in sein Tun eintaucht und das Erlebte verarbeitet – mit allen Sinnen und dem ganzen Körper.
Eindrücklich ist auch, wenn plötzlich eine Stärke sichtbar wird, die unter vielen Belastungen fast verschwunden schien. Da ist manchmal dieser erstaunte und zugleich stolze Blick auf das eigene Werk – denn es ist gar nicht so einfach, ein weisses Blatt mit etwas Eigenem zu füllen. In diesem Moment sehen und erfahren die jungen Patientinnen und Patienten: Das habe ich geschaffen! Ich kann das – und noch so viel mehr. Genau danach suchen wir: nach dem, was trotz Einbussen gesund und stark geblieben ist. Denn ein Mensch ist so viel mehr als seine Krankheit, sein Trauma oder seine Beeinträchtigung. So oft staune ich, mit wie viel Widerstandskraft, Kreativität und Ausdauer Kinder und Jugendliche selbst schwierigste Situationen meistern.
Kunsttherapeutin in der Kinder-Reha Schweiz
Muss am Ende immer ein schönes Bild entstehen?
Überhaupt nicht. Ein Werk muss weder schön sein, noch bestimmten Vorstellungen entsprechen. Es darf auch etwas Dunkles entstehen. Ein Bild sagt oft mehr als tausend Worte – aber im Mittelpunkt steht der kreative Prozess, nicht das Ergebnis. Wir betrachten und erforschen das Geschaffene gemeinsam, ohne es nach einem starren Schema zu interpretieren. Gerade diese Offenheit kann einen neuen Zugang zu sich selbst eröffnen – mit allen Gefühlen und Ressourcen. Eine junge Patientin brachte es kürzlich wunderbar auf den Punkt: «Unperfekt ist das Perfekte.»
Wie viel Bedeutung das für ein Kind haben kann, zeigt die sechsjährige Vivian ein halbes Jahr nach der Reha: Als ihre Mutter zu Hause eines ihrer Werke wegen Malerarbeiten von der Wand nahm, mahnte die Kleine sofort: «Vorsichtig, Mami, dafür habe ich mir so viel Mühe gegeben!»
Welche Momente gehen Ihnen besonders nahe?
Am schwersten sind Situationen, in denen eine Krankheit oder ein Unfall so starke Beeinträchtigungen hinterlässt, dass ein selbstbestimmtes Leben nur noch eingeschränkt oder gar nicht mehr möglich ist. Da wird spürbar, wie einschneidend das für ein Kind und sein ganzes Umfeld sein kann. Dann müssen wir gemeinsam lernen, die Dinge so anzunehmen, wie sie sind. Obwohl ich mir von Herzen wünschen würde, dass junge Menschen solche Erfahrungen nie machen müssten – oder zumindest nicht so früh im Leben. Gleichzeitig erlebe ich immer wieder, wie gerade aus dunklen Stunden wieder ungeahnte Kraft erwächst. Das begleiten zu dürfen, ist jedes Mal ein Geschenk.
Was geben Sie den Kindern mit auf den Weg?
Die Kunsttherapie ist fest in die Reha eingebunden: Die Ziele für jedes Kind stimmen wir mit der Neuropsychologie ab und tauschen uns regelmässig über den Verlauf aus. Dabei ist mir der Abschluss genauso wichtig wie der Anfang. In der letzten Stunde blicke ich mit der Patientin oder dem Patienten auf die Reha-Zeit zurück. Gemeinsam betrachten wir die entstandenen Bilder und 3D-Gestaltungen – wie bei einer kleinen Vernissage. Manchmal entsteht zum Abschied noch ein letztes Bild oder ein Gedicht – manchmal auch ein Feedbacktext von mir zu einem Werk. So wird sichtbar, was sich während der Therapie entwickelt hat und was der junge Mensch vielleicht für seinen weiteren Weg mitnehmen möchte.
Liebe Vivian
Im Rahmen deines Reha-Aufenthaltes bist du zu mir in die Kunsttherapie gekommen. Du hattest eine Entzündung des Gehirns, welche auch deine Sprachfähigkeit beeinträchtigt hat. Du musstest vieles neu entdecken und wiedererlernen. In dieser Zeit durfte ich dich auf einem Stück deines Weges begleiten. Ein Weg, der nicht immer einfach ist und dich im Alter von sechs Jahren schon viel hat erleben lassen. Am Anfang begegnest du mir vorsichtig und zurückhaltend, aber schon nach kurzer Zeit erlebe ich dich mit mehr Vertrauen, fröhlicher und stetig kraftvoller. Schritt für Schritt scheinst du deinen eigenen Ausdruck wiederzufinden. Du malst oft an der grossen Malwand und gehst mit den Farben und Formen in Bewegung, als würdest du mit ihnen tanzen.
In unseren Stunden entsteht Raum für alles, was da ist. Für Gedanken, die nicht in Worten artikuliert werden können, für Gefühle, die vielleicht noch keinen Namen haben, und für das, was tief in dir bewegt wird. Ich begleite dich dabei, nehme wahr, stärke und halte aus.
Auf diesem Kratzbild zieht ein grosses Herz den Blick auf sich. Es steht nicht klar umrissen und ruhig im Raum, sondern wirkt lebendig, bewegt und voller Spuren. Viele Linien überlagern sich, kreuzen sich, finden zusammen und lösen sich wieder voneinander. Es wirkt, als dürfe Entwicklung stattfinden, ohne dass schon alles klar sein muss.
Der dunkle Hintergrund wirkt tief. Er erinnert an Momente von Unsicherheit und herausfordernde Erfahrungen; nicht nur für dich, sondern auch für deine Eltern, Geschwister und für dein ganzes Umfeld. Gleichzeitig lässt er das Herz umso stärker leuchten. Die hellen Linien treten hervor und erzählen von etwas, das sichtbar werden möchte.
Je länger man das Werk betrachtet, desto mehr entsteht der Eindruck, dass das Herz nicht nur etwas in sich trägt, sondern auch nach aussen wirkt. Es scheint verbunden zu sein mit dem Raum um sich herum. Verletzlich und gleichzeitig stark. Fein und gleichzeitig widerstandsfähig. Es zeigt, dass dort, wo vieles im Moment durcheinander und ungeordnet erscheinen mag, etwas Wesentliches bestehen bleibt: Lebendigkeit, Fröhlichkeit und ein wundervolles Leuchten, die alle ihren ganz eigenen und persönlichen Ausdruck finden.
Liebe Joelle
Du bist infolge einer seltenen neurologischen Erkrankung in der Rehabilitation. Du bist 15 Jahre alt und begegnest mir von Beginn weg mit einer offenen, humorvollen und kommunikativen Haltung. Im Laufe des Prozesses erlebe ich dich zunehmend selbstsicherer und vertrauensvoller. Als letztes Bild vor deinem Austritt entsteht eine nächtliche Landschaft. Der Himmel ist tiefblau und weit, durchzogen von leuchtenden Sternen. Inmitten dieser Weite steht eine kleine Figur. Sie trägt ein Geschenk bei sich und hält ein Licht in der Hand, das ihren Weg erhellt. Es wirkt, als wäre sie unterwegs zu einem Haus, das auf einer Anhöhe in der Ferne steht und mit seinen warm erleuchteten Fenstern ein Gefühl von Geborgenheit vermittelt. Du selbst sprichst von einem «Zuhause» bei der Bildbetrachtung.
Der Weg zwischen der Figur und dem Haus erscheint weit. Dazwischen liegen Dunkelheit, Höhenunterschiede und unbekannte Räume. Gleichzeitig entsteht der Eindruck, dass die Gestalt ihren Weg kennt. Das Licht, das sie trägt, ist nicht gross, doch es reicht aus, um den nächsten Schritt sichtbar werden zu lassen. Orientierung bedeutet nicht immer, den gesamten Weg zu überblicken. Manchmal genügt es, den nächsten Abschnitt erkennen zu können, die Sterne am Himmel wirken dabei wie Begleiter.
Je länger man das Bild betrachtet, desto stärker entsteht der Eindruck von Zuversicht. Die Figur wirkt klein im Vergleich zur weiten Landschaft, und dennoch steht sie kraftvoll und entschlossen im Raum. Sie trägt etwas Wertvolles mit sich und bewegt sich Schritt für Schritt ihrem Ziel entgegen. So erlebe ich auch die Patientin – mutig und im Vertrauen trotz einer herausfordernden Situation.
Die Kunsttherapie im Kinderspital Zürich und in der Kinder-Reha Schweiz wird weder von Krankenkassen noch Versicherungen finanziert. Nur dank Spenderinnen und Spendern sowie der Unterstützung der Fondation Art-Therapie und Stiftung Chance für das kritisch kranke Kind können wir Kunst- und Musiktherapie anbieten. Ein herzliches Danke für Ihre Unterstützung.